LiteraturCLUB: 80 Jahre Option: Wehrmachts-deserteure in Südtirol – Lesung mit Johann Nikolussi und Matthias Breit

Liebe Mitglieder, am Donnerstag 30. Jänner mit Beginn um 20.00 Uhr präsentieren wir euch den ersten LiteraturCLUB des neuen Jahres. Wir freuen uns sehr euch eine Lesung mit Johann Nikolussi und Matthias Breit ankündigen zu dürfen, die den Titel „Wehrmachtsdeserteure in Südtirol“ trägt. Musikalisch begleitet wird der Abend von Matthias Legner. Anschließend findet ein Gespräch mit Martha Verdorfer und Leopold Steurer, den beiden AutorInnen von „Verfolgt–Verfemt–Vergessen“ statt. Wie immer wird unsere Literatuverantwortliche und Vorstandskollegin Sonja Steger in den Abend einführen.

Mit fast 85 Prozent Ja-Stimmen für das nazistische Deutschland bei der Option im Jahr 1939 bestand nach der Befreiung 1945 die begründete Gefahr, dass die Südtiroler zur Gänze als Sympathisanten der Nazis wahrgenommen werden. Daher stand in den Monaten unmittelbar nach Kriegsende eine verschwindend kleine Gruppe von Südtirolern auf dem Höhepunkt ihrer politischen Bedeutung: Deserteure, die den Dienst im Vernichtungskrieg der Wehrmacht oft nur mit Unterstützung ihrer Verwandten verweigert hatten. Die am 8. Mai 1945 gegründete Südtiroler Volkspartei präsentierte sich als stolz auf die wenigen Menschen, die in den Jahren 1939 – 1945 in Südtirol in irgendeiner Form ihre antinazistische Einstellung manifestiert hatten. Mit ihnen konnte man den von verschiedenen Seiten erhobenen Vorwurf der lückenlosen Kollaboration mit dem Nationalsozialismus anschaulich widerlegen und bei den alliierten Siegermächten die Forderung nach Rückkehr zu Österreich bzw. die Ausübung des Selbstbestimmungsrechtes als moralisch und politisch gerechtfertigt untermauern.

Das Zentrum des antinazistischen Widerstandes in Südtirol war 1943–45 das Passeiertal. In keinem anderen Tal hat es so viele Deserteure gegeben, in keinem anderen Tal war aber auch die Repression vonseiten der einheimischen NS-Funktionäre so hart wie im Passeiertal. In den drei Gemeinden St. Martin, St. Leonhard und Moos gab es insgesamt sechzig namentlich bekannte Deserteure und achtunddreißig „Sippenhäftlinge“ – Angehörige die in Haft genommen wurden, um ihre verweigernden Verwandten aus deren Verstecken zu zwingen. Die wirkliche Zahl dürfte wahrscheinlich noch um einiges höher liegen. Sieben Deserteure aus St. Leonhard, die sich im Herbst 1944, auf die Versprechungen der Nazis vertrauend, freiwillig stellten, um ihre Familienangehörigen nicht zu gefährden, wurden in verschiedene Konzentrations- und Arbeitslager des Dritten Reiches deportiert.

Das Passeiertal unterschied sich aber auch insofern von anderen Tälern und Dörfern in Südtirol, als es hier seit dem Sommer 1944 eine Gruppe von fünfzehn bis zwanzig bewaffneten Deserteuren gab, die – wenn auch in lockerer und öfters wechselnder Formation – ständig untereinander in Kontakt standen und die sich explizit als „Partisanen“ verstanden. Zwar war auch im Passeiertal diese Form des Widerstandes gegen Krieg und Nationalsozialismus nicht auf einen aktiven und militärischen Widerstand ausgerichtet, sondern – wie überall sonst in Südtirol – auf passive Verweigerung und Verteidigung, d.h. als Aktion zum Schutz vor Einberufung und Verhaftung.

Bereits 1993 ist in Südtirol das Buch „Verfolgt–Verfemt–Vergessen“ erschienen, in dem zahlreiche Erinnerungen von Deserteuren und ihren Angehörigen geordnet nach Talschaften dokumentiert wurden. Zwei dieser Erinnerungen werden am 30. Jänner vorgestellt.

Alfred Gufler: „Wir wurden dann am 29. November in aller Herrgottsfrüh geweckt, gingen dann hinauf auf die Kortscher Wiesen, wo wir uns im Viereck aufstellen mußten. Dann brachten sie den Dapunt, er war mit Seilen gefesselt wie ein Kalb, das man zum Markt oder zur Schlachtbank führt. Er wurde an den aufgestellten Pfahl gebunden, erhielt noch den Segen, und bevor er erschossen wurde, wurde das Urteil des Gauleiters Hofer verlesen, in dem es hieß, daß diese Erschießung als abschreckendes Beispiel für alle Deserteure gelten möge. Wir hatten eigentlich alle einen mordsmäßigen Zorn auf die Nazis, und ich habe mir gedacht, wenn die den Krieg nur mehr mit solchen Methoden weiterführen können, dann wird er hoffentlich wirklich nicht mehr lange dauern. Man hat doch eh schon gesehen, daß er für Deutschland verloren war.“

Johann Nikolussi und Matthias Breit lesen aus den Erinnerungen eines Passeirer Deserteurs und der Schwester eines Deserteurs, die als „Sippenhäftling“ im KZ Bozen inhaftiert war.

Musik: Matthias Legner (Percussion und Vibraphon)

Bildlegende: Franz Thaler (1925–2015) aus Reinswald im Sarntal war einer der bekanntesten Wehrmachtsdeserteure in Südtirol. Mit seinem Buch „Unvergessen“ trug Thaler wesentlich dazu bei, dass sich Südtirol erstmals mit der eigenen NS-Zeit auseinandersetzte. Foto: Matthias Breit

Donnerstag, 30. Jänner, 20 Uhr – LiteraturCLUB: 80 Jahre Option: Wehrmachtsdeserteure in Südtirol – Lesung mit Johann Nikolussi und Matthias Breit

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