Von Poetry Slam Texten die den Atem stocken lassen und einem Tribute Abend mit dem Potential Südtiroler Musikgeschichte zu werden – east west’s week review #48

Liebe Mitglieder, in der vergangenen Clubwoche hatten wir unsere Räumlichkeiten wieder an fünf verschiedenen Abenden für euch geöffnet. Schon am Dienstag zu Beginn der Woche waren unsere fleißigen Chorsänger vom ChorOstwest wieder bei uns und das obwohl Chorleiter Markus Prieth leider kurzfristig und aus Gesundheitsgründen absagen musste. Dennoch ließen es sich sieben unserer Mitglieder nicht nehmen sich an unseren kleinen Ofen und am gemeinsamen Gesang bei überaus ungemütlichen Außentemperaturen aufzuwärmen.

Am Mittwoch besuchte uns dann nach langer Zeit wieder einmal die Esperanto Gruppe Südtirol um Walter und nutzte von 18.00 Uhr an für rund eineinhalb Stunden unsere Räumlichkeiten um gemeinsam einen Sprachkurs in der Esperantosprache zu absolvieren. Anschließend fand dann wie immer am dritten Mittwoch des Monats die Noche de Tango statt. Obwohl unsere Tanzlehrer (Johannes) und Dj‘s (Christoph) an diesem Abend verhindert waren, war durch Carmen (Danke!) schnell für Ersatz gesorgt und so konnte wieder munter drauflos getanzt werden. Eine Gruppe von rund 10 Tänzerinnen und Tänzern ließ sich die Gelegenheit nicht entgehen eng umschlungen in unserem kleinen Salon zu den wunderbarsten argentinischen Klänge zu tanzen.

Am Donnerstag gab es dann keinen speziellen Programmpunkt im Club zu erleben, sondern unsere Mitglieder durften sich beim salotto ost west in gemütlicher Atmosphäre in aller Ruhe unterhalten und das ein oder andere warme Getränk zu sich nehmen.

Am Freitag fand dann bereits der zweite wild wild ost west slam der Saison statt und da unser MC Lene Morgenstern auch dieses Mal verhindert war, war es wieder GIOVI der gekonnt durch den Abend führte und selbst als Opferlamm zwei wunderbare Texte vortrug. Neben Steini, Barbara, Helga, Lena und Irene stand mit VUX wieder ein special guest auf unserer Teilnehmerliste, welche eindrucksvoll aufzeigte wie beeindruckend Poetry Slam Texte funktionieren können. Ins Finale schafften es an diesem Abend Vux, Lena und Irene. Irene trug in Anlehnung an ein Buch über die argentinische Militärdiktaur in den 1970er und 1980er Jahren einen Text auf Ladinisch vor und obwohl niemand der anwesenden Zuhörerinnen und Zuhörer unserer dritten Landessprache mächtig war, konnte die Grödnerin unser Publikum durch Intonation und und Gestik derart überzeugen, dass es für den dritten Platz auf unserem Siegertreppchen reichte. Lena Wopfner eroberte dann mit einem Text zu den bisher 93 Milliarden verstorbenen Seelen, welche anscheinend bisher unsere Welt bevölkert haben, Platz zwei beim wild wild ost west slam. Die 17jährige Marlinger gehört mittlerweile zum Stamm unserer Teilnehmerinnen und Teilnehmer und immer wieder konnte sie uns in der Vergangenheit durch ihre überaus feinfühligen und beeindruckend guten Texten überzeugen. Den Sieg ließ sich wie so oft schon zuvor auch dieses Mal nicht unser special guest nehmen. Die 24jährige Berlinerin VUX ließ die Südtiroler Konkurrenz hinter sich, indem sie einen Text über das Thema Gaslighting vortrug. Als Gaslighting wird eine Form von psychischer Gewalt bzw. Missbrauch bezeichnet, mit der Opfer gezielt desorientiert und manipuliert werden und ihr Selbstbewusstsein allmählich deformiert bzw. zerstört wird. Beim Opfer wird von einer Person über einen langen Zeitraum wiederholt die Wahrnehmung der Realität in Frage gestellt. Das kann z.B. durch Verleugnung von real existierenden Dingen oder Ereignissen geschehen. Dabei ist eine Grundvoraussetzung, dass das Opfer dem Täter und seinen manipulierenden Aussagen vertraut. Mit der Zeit beginnen die Opfer, an ihrem Gedächtnis, ihrer Wahrnehmung und an ihrem Verstand zu zweifeln. Einen Grund, die manipulativen Aussagen durch einen Dritten überprüfen zu lassen, gibt es nicht, weil das Opfer dem Täter ja vertraut. Der Text ließ nicht nur dem Schreiber dieser Zeilen den Atem stocken, sondern das Publikum (rund 30 Besucherinnen und Besucher hatten sich eingefunden) in unserem Salon war überaus beeindruckt vom Auftritt der jungen Berlinerin und ihrem letzten Text. Wir bedanken uns bei VUX und ihrem Freund Richard, die extra den weiten Weg aus Berlin zu uns auf sich genommen haben, um bei der insgesamt 13. Ausgabe des WWOWS dabei zu sein. Merkt euch schonmal den 15. Dezember vor, wo wir euch den letzten Poetry Slam des Jahres 2017 im Club präsentieren werden. Anmelden könnt ihr euch unter info@ostwest.it. Einen besonderen Dank möchten wir außerdem der Buchhandlung „Alte Mühle“ in Meran aussprechen, die den drei Erstplatzierten wie immer tolle Büchergutscheine als Preise zur Verfügung gestellt hat.

Am Samstag durften wir dann wieder einmal einen wirklich besonderen Abend im Club erleben. Insgesamt 15(!) verschiedene Musiker aus Meran und Bozen, unter ihnen Aronne Dell‘Oro, Roberta Staccuneddu (die den Abend ins Leben gerufen hatte), Morgan Silvestri, Andreas Unterholzner, Giuseppe Arena, Mauro Lazzaretto, Max Boi, Ramon de Lima oder Dietmar Esser waren gekommen um den erst im Mai verstorbenen Chris Cornell (Audioslave, Soundgarden) und sein musikalisches Erbe hochleben zu lassen. Allein schon der Soundcheck mit all diesen unterschiedlichen Menschen und Musikern vor dem eigentlichen Auftritt war ein Besuch im Club wert. Das musikalische Repertoire reichte anschließend von akkustischen über elektronische Stücke und hatte solch‘ bekannte Songs wie „Seasons“, „I am the highway“, „sweet euphoria“ bis hin zum vielleicht bekanntesten Lied „Black Hole Sun“ im Programm. Die verschiedenen Musiker präsentierten uns die unterschiedlichsten Interpretationen der Musik von Cornell, der zusammen mit Kurt Cobain und Eddie Vedder zum bekanntesten Verteter der Grunge-Musik zählt. Neben den Auftritten von Unterholzner, Staccuneddu und Co. ist uns an diesem Abend besonders der Auftritt von Giuseppe Arena in Erinnerung geblieben. In unnachahmlicher Weise und voller Inbrust, sang Arena den Song „Black“, den Eddie Vedder seinem verstorbenen Freund erst vor Kurzem bei einem Live-Auftritt in Florenz gewidmet hat und der einen zu Tränen rührte. Als Mauro Lazzaretto dann die Bühne betrat und mit einer beeindruckenden Eingangsrede zu seinem vorgetragenen Song „My Wave“ erklärte, dass der in den Radiostationen gespielte Sound, heutzutage all jenes vermissen lässt, was einen Musiker wie Cornell ausmachte, war die Spannung im Club regelrecht mit Händen zu greifen. „My Wave“ steht stellvertretend für einen Song, der in seiner Eigenart derart besonders und einzigartig interpretiert wurde, dass man in unserer schnelllebigen Zeit manches Mal vergisst, was gute, handgemachte Musik eigentlich ausmacht. Im internationalen Musikbetrieb, wo ein Lied vom anderen nicht mehr unterschieden werden kann und ein derart seichtes und immergleiches elektronisch aufbearbeitetes Genre sämtliche Musikstile zersetzt, bleibt letztlich kein Platz mehr für das Besondere und Einzigartige. Chris Cornell war einer der letzten Verteter einer musikalischen Bastion und der es verstand seiner Musik eine Art Alleinstellungsmerkmal zu verleihen und sich von dieser Unart abzugrenzen. Gerade an diesem Abend durfte der ost west club wieder jener Ort sein, wo Musik noch in ihrer gesamten Purität Ausdruck fand und sich alleine schon deshalb von gesamtgesellschaftlichen Tendenzen abgrenzt, die einen manches Mal schaudern lassen, wenn man an die Zukunft denkt. Gerade durch die teils pessimistische Ausdrucksweise der Melodien und Texte schafften es Musiker wie Cornell und Co. sich einen Platz in der Musikgeschichte zu erobern und ein musikalisches Erbe zu hinterlassen, welches in seiner Echtheit seines Gleichen sucht. Es war ein Abend an dem Chris Cornell selbst sicher die größte Freude gehabt hätte. Deshalb bedanken wir uns bei all den wunderbaren Menschen und Musikern die mit viel Feingefühl und Freude ein Projekt auf die Beine gestellt haben, das jetzt schon als Südtiroler Musikgeschichte beschrieben werden darf.

Im Anhang findet ihr einige Fotos von diesem unvergesslichen Abend, geknipst von Chantal Redavid. Außerdem die Foto-Slide vom Poetry Slam, fotografiert von Gerd Reinstadler. Zudem haben wir den Live-Auftritt Eddie Vedder’s in Florenz vom zuvor erwähnten Song „Black“ für euch angehängt.